Störenfriede

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Als ich ihn zum ersten Mal im Fernsehen gesehen habe, habe ich die Hände vors Gesicht geschlagen und gestöhnt: „Oh Gott, wie peinlich!“ Die Rede ist von Harald Glööckler. Inzwischen ist mir eher peinlich, wie spießig und intolerant ich damals war. Wenn man eine Persönlichkeit nicht im ersten Moment erfassen kann, reagiert man oft mit Abwehr. Entspricht jemand nicht dem eigenen Spiegelbild oder dem Mainstream, demonstriert man Empörung und beginnt zu lästern. Und je mehr Menschen ebenso lästern, desto leidenschaftlicher haut man mit drauf! Das stärkt das Selbstbewusstsein und das Gemeinschaftsgefühl, sage ich jetzt mal so, als Aushilfs-Psychologe. Dieses Verhalten ist menschlich, aber es ist eigentlich auch ganz schön arm. Unter Toleranz verstehe ich allerdings auch, dass man trotzdem nicht alles und jeden toll finden muss. Dann reicht es aber, einmal zu sagen: „Gefällt mir nicht …“ und es dann gut sein zu lassen. Solange jedenfalls, wie es sich nicht um Personen handelt, die offensichtlich gemeingefährlich sind und zu denen man klar Stellung beziehen muss. Aber ich denke, das ist weder bei Harald Glööckler, noch bei vielen anderen vermeintlichen Störenfrieden der Fall.

Brööcker und Glööckler

Herr Glööckler jedenfalls hat sich meinen Respekt erarbeitet! Und ich stelle Parallelen von mir zu ihm fest, die mich zunächst etwas beunruhigt haben. Zwar bin ich ein ganz anderer Künstlertyp und Lichtjahre von seinem klugen Geschäftssinn entfernt, mit Glööcklers Aussagen zu seinem inneren Antrieb und seiner Schaffenswut kann ich mich aber identifizieren. Den ursprünglichen Anstoß für meinen heutigen Vollwertkunst-Beitrag hat mir jüngst ein Interview in DIE WELT (online) gegeben, dass Hendryk M. Broder mit Harald Glööckler führte. Wenn er auch inzwischen ein Show-Profi ist und man nicht immer weiß, wo bei ihm der Privatmensch aufhört und die Selbstinszenierung beginnt, fiel mir auf, dass Glööckler kluge Ansichten vertritt. An einem Satz blieb ich besonders lange hängen: „Man kann in Deutschland mit starken Persönlichkeiten nicht umgehen, mit Menschen, die anders sind“. Einigen wenigen Kommentaren war zu entnehmen, dass diese Aussage von manch (einfältigen?) Lesern völlig falsch verstanden wurde, nach dem Motto: „In Saus und Braus leben und sich dann auch noch darüber beschweren. Kotz!“. Andere Kommentare zielten auf seine Homosexualität ab, die er aber ebenso wenig vorrangig meinte. Meines Wissens hat er das Thema nie in den Vordergrund gespielt, er sagt: „Es ist nicht gut, es ist nicht schlecht, es ist wie es ist! Punkt!” Nein, er meinte lediglich, dass man mit starken Persönlichkeiten nicht umgehen kann, fertig. Und damit hat er Recht! Ich will es nicht verallgemeinern, und ich weiß nicht, ob es nur bei uns in Deutschland so ist: Aber doch beobachte ich oft, dass selbstbewusste Menschen bei anderen Irritationen, Neid und Missgunst auslösen. Warum eigentlich? Weil es sie zerfrisst, dass sie sich selbst für unbedeutend halten? Ich halte das für wahrscheinlich.

 Kleidercodex und Monologe

Um diesen Effekt zu beobachten muss man nicht in die Zeitung schauen, es reicht ein Blick in den Bekanntenkreis. Obwohl es nicht von der Hand zu weisen ist, dass gerade die Boulevard-Medien mit negativen Gefühlen (wie Neid) spielen. Eine gute Freundin von mir, Dänin, wohnhaft in Schleswig-Holstein, ist so eine selbstbewusste Persönlichkeit. Sie besitzt ein recht natürliches Selbstbewusstsein, das zwar manchmal dazu führt, dass sie quatscht wie ein Wasserfall, aber sie ist ja auch eine Frau. Als eine solche schert sie sich auch nicht um den allgemeinen Dorf-Kleiderkodex ihrer Geschlechtsgenossinnen (Kurzhaar-Föhnfrisur, Karottenjeans und Jack-Wolfskin-Jacke). Nein, zum Kartoffeln-Kaufen auf dem Markt dürfen es auch mal der auffällige rote Hut und der Minirock sein. Weil es ihr so gefällt. Wenn sie einen Raum betritt, dann ist sie da. Mehr da, als es so manchem lieb ist. Wer damit nicht umgehen kann, wird sich in ihrer Umgebung schlagartig unwohl fühlen. Oft erzählt sie mir, dass sie an den Kaffeeklatsch-Runden mit ihren Dorf-Freundinnen verzweifelt: Sie führt quasi Monologe und es kommt nichts Konstruktives zurück. Außer vielleicht die Antwort: „Ich hab´ das jetzt nicht verstanden, was du gesagt hast.“ Es hat sich sogar schon eine Bekannte mit der Begründung von ihr abgewandt: „Ich ertrage deine Zufriedenheit nicht und auch nicht, dass ich dir das Wasser nicht reichen kann.“ Immerhin ziemlich ehrlich …

Harry G.Der Freak vom Dienst

Eine Nachbarin von mir kommt sich im Büro vor, als sei sie der Freak vom Dienst. Dabei geht sie in der Mittagspause einfach nur gerne alleine spazieren, anstatt sich das leere Gequatsche in der Kaffeeküche anzuhören. Prompt wurde sie zur Firmen-Zicke erklärt, kann damit aber gut leben. Und so findet, glaube ich, jeder Beispiele für die These: „Man kann mit starken Persönlichkeiten nicht umgehen!“ Wenn schon die alternative Mittagspausengestaltung dazu führt, dass man unter Generalverdacht gestellt wird, dann kann man ahnen, welche Erfahrungen ein selbstständiges oder ein Künstlerleben mit sich bringt. Ehrlich gesagt, geht es mir nämlich nicht anders. Und es wird von Jahr zu Jahr schlimmer. Wobei ich mich nicht beschweren möchte, denn ich kann als einsamer Wolf (mit Schatzi und einer handvoll wirklich guter Freunde) sehr gut leben. Doch von Jahr zu Jahr schränkt sich der Kreis derer, mit denen ich mich noch herausfordernd auseinandersetzen kann, weiter ein. Das hat nichts mit Arroganz oder Überheblichkeit meinerseits zu tun: Ich bin ja fast eine unscheinbare Person, meist höflich und recht bodenständig. Ich staune einfach nur darüber, wie die verschiedenen Lebenswelten immer mehr auseinanderdriften. Und wie man beginnt zu polarisieren, wenn man keine Lust mehr hat, Everybody´s Darling zu sein.

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